Einmal Westler, immer Westler - die Gesichter dieses Quartiers sind vielfältig. Aber was ist an diesem Stadtteil so hip und worin besteht das besondere Lebensgefühl? Ein kurzer Spaziergang zeigt, es ist das Kleine im großen Ganzen
GEWAND "Jung, lebendig, kulturoffen & zentrumsnah - ich will nicht mehr aus dem Westen weg", sagt Chefin Lisa Oechsle, die seit gut acht Jahren im Westen ihre Wahlheimat gefunden hat.
Der Westen lebt - von der Karlshöhe bis zum Birkenkopf, von der Silberburgstraße über Feuersee bis zum Kräherwald, über Botnang zum Bärensee bis zur Solitude.
Die Topographie: Er hat viele Gesichter, der Westen. Er ist großstädtisch, aber auch heimelig. Er ist grün und gemütlich, kreativ und aufgeschlossen, edel und angesagt und kaum einer, der einmal dorthin gezogen ist, will ihn wieder verlassen. Er ist nicht nur Stuttgarts größter, sondern sogar Deutschlands dicht besiedeltster Stadtteil. Einem Schachbrett gleich sind die Straßen des Westens angeordnet, nur wenige ziehen sich diagonal hindurch.Die Straßen sind bisweilen relativ eng, die Wohnhäuser mit ihren zum Teil wunderbar gestalteten grünen Hinterhöfen hoch - die Hitze in den Häuserschluchten im Sommer enorm, die Parkplatzsituation eine Katastrophe. Doch Bürgerhäuser wie die in der Johannesstraße aus der Gründerzeit und jene in der Bismarck- oder Augustenstraße sind wahrliche Highlights. Hier trifft Historismus auf Stilelemente der Neuromantik, Neugotik, Neorenaissance und des Neobarock. In der Nachfolge von Clara Zetkin und Eduard Mörike haben sich in dieser außergewöhnlichen Atmosphäre Einrichtungsfreunde wie Kreative aus den Bereichen Architektur, Grafik, Kunst und Kunsthandwerk angesiedelt.
Menschen & Orte: Es ist die Wohnlage und die Nähe zur City, die für viele ausschlaggebend ist, aber nicht nur. Denn der Westen mit seinen rund 60 Prozent Singlehaushalten funktioniert auch ohne, denn hier gibt es alles - Shops, Lebensmittelgeschäfte, Tante Emma-Läden, Tagescafés und gute Restaurants. Andrea Keicher, die ihre Boutique Zeitlos in der Ludwigstraße führt, "will nicht mehr weg", hat sie im Westen doch alles, was sie braucht. Dieser Meinung sind auch die Mitglieder des Kollektivs "Trieb, der", die vor einem Jahr mit ihrem Atelier, das Malerei, Grafikdesign sowie die Konzeption von Mode und Möbel umfasst, in die Senefelder Straße gezogen sind. Katrin Freitag, Marcus Bergmann, Julia Henke und Erasmus Stillner sind froh, hier gelandet zu sein, denn der Stadtteil funktioniert in sich: "Ich gehe nicht mehr groß in die Innenstadt, sondern hier zum Bäcker Bosch, in die Bauernmarkthalle, ins Twentyto oder zu Tamarillo. Ich möchte lieber die kleinen Läden in meinem Umfeld unterstützen", erklärt Katrin Freitag, die auch im Westen wohnt und sich sehr wohl fühlt. Und Marcus Bergmann ergänzt: "Man verbindet auch mehr mit einem Laden,wenn du persönlich und individuell beraten wirst, außerdem schätzt man die kurzen Wege und das Grün drumherum." Thomas Bucher von Two for Deco am Hölderlinplatz sieht das genauso, auch wenn er festgestellt hat, dass die meisten Menschen nur in ihrem unmittelbaren Umfeld unterwegs sind, das heißt, wer in der Rosenbergstraße einkaufen geht, kommt nicht mal mehr bis zum Bäcker Bosch, geschweige denn bis zum Hölderlinplatz. Egal, das beweist nur, dass der Westen in viele Quartiere gliedert ist, die auf eine besondere Weise autark sind. Berührungsängste innerhalb dieser gibt es nicht, da schaut schon mal der Nachbar mit einer Flasche Wein vorbei und setzt sich dazu - sprich von der so genannten "schwäbischen Reserviertheit merkt man hier nichts", berichtet Erasmus Stillner aus Erfahrung.
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