Der Maler Willi Otremba sitzt im Vorstand des Dortmunder Kioskclubs. Für den Verein organisiert er Expeditionen zu den schönsten Trinkhallen der Stadt. Ein Ortstermin zwischen Dadaismus, Kulturwissenschaft und Hauptbahnhof.
Henk Wittinghofer
Willi Otremba ist Träger verschiedener Nordrhein-Westfälischer Kunstpreise und lehrt an der FH Dortmund das Fach Gestaltung.
Die Sucht beginnt früh - mit Brause- Ufos, Abziehbildern. Später sind es Comics oder Jugendmagazine. Irgendwann geht dann das erste Bier, die erste Packung Zigaretten über die Theke. Es gibt Menschen, die könnten ohne ihren Kiosk nicht leben. Willi Otremba gehört dazu. Der Dortmunder Künstler ist stellvertretender Vorsitzender im "1. Kioskclub Museum am Ostwall 06", einem ernst gemeinten Verein, der sich die Pflege der Büdchen-Kultur in die Satzung schrieb. Wir treffen uns hinter dem Hauptbahnhof. Dort, im Schatten des Arbeitsamts, steht eine der wenigen Dortmunder Buden, die rund um die Uhr geöffnet hat. Otremba kommt nicht allein, er hat Ruth Langen mitgebracht. Die Kunsthistorikerin ist KCMO-Schatzmeisterin und sorgt für den theoretischen Überbau: "Die gesellschaftliche Funktion der Buden ist in vielen Vierteln enorm wichtig", sagt sie und entrollt eine Lakritzschnecke, das Wappentier des Clubs. "Leider werden diese einzigartigen Institutionen immer weniger." Der Kiosk ist eine Ikone der Revierkultur, ein hochflexibles Ein- Personen-Geschäft mit enger Kundenbindung und kleinem Schwätzchen als Wettbewerbsvorteil. Jetzt hat auch die Kunstszene das Sujet für sich entdeckt. Zwischendurch etwas aus der gemischten Tüte? Otremba winkt ab: "Nee, erst brauche ich meinen Kaffee." Er ist fasziniert vom Wilden, Unkontrollierten, der Anarchie in der Warenauslage. In Zeiten, wo alle Filialen einer Supermarktkette gleich aussehen, geht der Maler in den Schaufenstern der Büdchen auf Entdeckungsreise. "Jede Bude hat ihre eigene Ästhetik, die manchmal sehr lustig ist, wenn zum Beispiel Wattestäbchen neben Wundertüten stehen" sagt er mit glänzenden Augen. "Mach mir fünf L&M." "Ein Bier!" "'Ne Bild bitte!". Unser Gespräch wird immer wieder von Kunden unterbrochen. Türkische Kids, Kunden der Agentur für Arbeit, Nachmittagssäufer - jeder mit eigenem Einkaufszettel. Herr Ari, der Kioskbesitzer, sagt, er könne bald als Verhaltensforscher arbeiten.
Kioskrally statt Kneipentour: Die vom Verein organisierten Veranstaltungen werden immer populärer. Bis zu 30 Teilnehmer radeln an lauen Sommerabenden durch die Innenstadt und bestaunen das Kaleidoskop aus freistehenden, integrierten, überdachten, runden, quadratischen und sogar achteckigen Trinkhallen. "Schauen Sie sich die Farbpalette der verschiedenen Weingummis in ihren Plastikboxen an. Dann verstehen Sie, was Künstler daran inspiriert", doziert Otremba. Mittlerweile kaut auch er auf einer Sauren Pommes. "Eigentlich", so sagt er, "war die Gründung des Vereins ein künstlerischer Akt." Zur WM 2006 funktionierten Künstler im Ostwallmuseum ein Fenster zum virtuellen Kioskschalter um. Dass aus der dadaistischen Installation ein Club entsteht, war damals gar nicht geplant. "Eigentlich ist es doch toll, wenn die Grenzen zwischen Kunst und Realität verwischen", schwärmt Otremba. "Wenn die Frage nach der Unterscheidung überflüssig wird, wird es richtig spannend." Ende Juni zieht das Museum am Ostwall ins Dortmunder U. Der Club arbeiten daran, aus den Büdchen dazwischen eine neue Route zu zeichnen.
Unser Autor Jan Wilms gründete 1986 zur Fußball-WM an seinem Stammkiosk eine Panini-Tauschbörse. Mit Willi Otremba war er Mittagessen im: 1. Kioskclub, Museum am Ostwall 06, Büdchentour "Vom MO zum U", 27. Juni, 16 Uhr, Start am Museum am Ostwall. www.kcmo.de
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