Ulrich Greb inszeniert gern in der Realität. Seine Produktion "Hotel Europa" spielt im ehemaligen Moerser Gefängnis. Wir trafen uns bei Wasser und Brot.
Eine Apfelkitsche vertrocknet auf dem Waschbecken, daneben ein Einwegrasierer. Die Bettwäsche ist benutzt, im Sperrholzschrank hängen noch blaue Anstaltsoveralls. Und dann dieser Geruch: Muffig, verschwitzt, menschlich - es stinkt nach Leid und Wut. Trotzdem ist Ulrich Greb zufrieden. Seit 2005, als das Moerser Hafthaus aufgegeben wurde, bemühte er sich um die Genehmigung, hier arbeiten zu dürfen. Jetzt steckt sein Ensemble mitten in Proben zum Stück "Hotel Europa", das in der Originalkulisse des ehemaligen Gefängnisses spielt. "Wie Alcatraz - nur in klein." Ulrich Greb ist beeindruckt, aber Beklommenheit klingt durch. Vor dem Treppenschacht steht er im fahlen Lichtkegel des Atriums, rechts und links die beigegrauen Gänge mit immer gleichen Zellentüren. Der Intendant des Moerser Schlosstheaters wirkt blass, wahrscheinlich färbt die Umgebung ab. Doch vier Etagen voll kalter Erinnerung werden lebendig, wenn er zu erzählen beginnt - von Ausbrüchen zum Beispiel. Oder von Selbstmord. Als Regisseur von "Hotel Europa" interviewte er Insassen und Wärter, studierte Gesetzestexte, las bei Kant und Kafka nach, wie sich Freiheit und Zwang definieren. "Wir möchten mit unserem Theater eine Grenzsituation aufzeigen, spielen mit Fiktion und Dokumentation und führen den Zuschauer wie durch ein Museum", berichtet Greb, nachdem er auf der spakigen Pritsche des Etagenbetts Platz genommen hat. Worum es in diesem "Hotel Europa" geht? "Der Kontinent wurde zur Festung", sagt er. Während die Grenze nach Osten erweitert würde, lege sich im Mittelmeer ein Sperrring um den Erdteil. "Die große Idee vom freien, geeinten Europa zerbricht genau hier, in den Zellen derer, die nicht mitspielen dürfen", erklärt Greb.
Im Knast kann man nicht Pizza bestellen, auch kein Sushi mitbringen. Wir holen Ciabatta und San Pellegrino vom italienischen Feinkosthändler, Spezialitäten aus jenem lieben Urlaubsland, an dessen Küsten jährlich über 36 000 Bootsflüchtlinge in kaum seetüchtigen Booten anlanden, um dann in überfüllte Auffanglager gestopft zu werden. So schließt sich der Kreis, und wir sind wieder mitten in den Fragen, die Greb nicht nur bei dieser Produktion beschäftigen. "Ich kann darauf achten, dass ich keine T-Shirts für drei Euro kaufe. Damit nutze ich die Menschen in den armen Länder nur aus", sagt er und fährt sich durchs silbergraue Haar. "Gleichzeitig muss ich mit meiner kleinen Tochter aber auf den Spielplatz gehen können, ohne mich zu fragen, was gerade irgendwo im Irak passiert". Ein Spannungsfeld, in dem es keine leichten Antworten gibt. Ein Begriff wie Political Correctness zerbricht da schnell am täglichen Leben. Später zieht Ulrich Greb die schwere Knasttür hinter sich zu. Dröhnend fällt sie ins Schloss. "Ich bin immer wieder froh, wenn ich diesen Ort verlasse", sagt er. An den 16 Spielterminen, die ab 16. Mai geplant sind, wird er sich dennoch auf die Arbeit hinter Gittern freuen.
Unser Autor Jan Wilms saß erstmals im Knast. Ab jetzt wird er Strafzettel und Steuerschulden pünktlich zahlen.
Schlosstheater Moers, Kastell 6, Tel. 028 41/201730, Hafthaus, Haagstraße 7a, schlosstheater-moers.de
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