Am Schauspiel geht eine Ära zu Ende. Intendantin Elisabeth Schweeger verlässt das Haus - und mit ihr gehen auch die meisten Ensemblemitglieder. Er bleibt: der spektakuläre Schauspieler Oliver Kraushaar.
Holger Menzel
Seine ersten Theatererfahrungen machte Oliver Kraushaar noch zu Schulzeiten an der Neuen Bühne Bruck.
Ich bin der Olli", sagt er zur Begrüßung. Und: "Lass uns draußen sitzen, dann können wir rauchen." Oliver Kraushaar bestellt ein Vitello Tonnato und beginnt, von den Proben zu Peter Handkes "Die Stunde da wir nichts voneinander wussten" zu erzählen, der letzten Produktion am Schauspiel Frankfurt während der Intendanz von Elisabeth Schweeger. "Ein Abschied" wird das Stück sein, aber auch eine Premiere: Zum allerersten Mal stehen alle Schauspieler des Ensembles gemeinsam auf der Bühne. "Die Stunde" ist ein stummer Auf- und Abgang, die Handlung besteht im Wesentlichen darin, dass die Darsteller über einen Platz laufen. "Seit wir das proben, setze ich mich abends gerne noch mit einem Bier auf den Römer und beobachte Leute", berichtet Kraushaar, "kürzlich habe ich einem Paar zugesehen: beide mit einem Eis am Stiel in der Hand, der Mann hatte in der anderen Hand noch eine zusammengerollte Zeitung. Und der redet und redet auf die Frau ein. Und du merkst, wie sie komplett abschaltet. Irgendwann gibt er auf, schüttelt den Kopf. Und dann leckt er an seiner Zeitung."
Oliver Kraushaar liebt Anekdoten. In einer anderen spielt er die Hauptrolle. Sie spielt an der Schauspielschule in Hamburg, Kraushaar hat dort studiert. Bei einer Probe erscheint ein Mann, den er vorher nie gesehen hat, fängt an zu nörgeln, kritisiert die Darsteller. "Den habe ich dann angeschrieen: Alter Mann, du hast die Weisheit auch nicht mit Löffeln gefressen!" Der Mann war Jürgen Flimm, der legendäre Theatermacher. Ein paar Tage später bekommt er eine Einladung zum Vorsprechen ins Thalia Theater, das Flimm damals leitet. Dort wartet er im Vorzimmer, Flimm kommt rein und sagt knapp zu seinem Assistenten: Das ist ein guter Mann. Und der Schauspielstudent Kraushaar hatte plötzlich ein Engagement an einem der wichtigsten Theater Deutschlands. Oliver Kraushaar wirft den Spatzen ein paar Brotkrumen zu und zündet sich noch eine Zigarette an. "Einen Plan B gab es nie" sagt er. An drei Schulen hat er vorgesprochen, dann hatte er den Studienplatz in Hamburg. Nach dem Studium ging er ans Schauspiel Leipzig, seit 2002 ist er fest in Frankfurt engagiert. Was es braucht, um ein guter Schauspieler zu werden? "Beharrlichkeit", sagt Oliver Kraushaar, "und Glück und Kraft und Gesundheit. Man muss fit sein. Man muss eine ganze Menge vertragen können und trotzdem immer stehen bleiben. Auch an Promille." Jetzt freut er sich auf den Neuanfang. Kraushaar ist einer von drei Kollegen, die in Frankfurt bleiben werden. An Oliver Reese, dem kommenden Intendanten, schätzt er, dass der "eine ziemliche Energie hat". Und dann sagt er noch: "So ein Wechsel tut gut, sonst rostet man ein."
Unser Autor Alexander Jürgs war mit Oliver Kraushaar Mittagessen in der: Paninoteca, Innenstadt, Bleidenstr. 13 (am Parkhaus Hauptwache), Tel. 28 44 87, tägl. 11.30-1 Uhr
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