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Party am Polarkreis

Reykjavík

Ans Schlafen denkt während der langen Sommernächte in Reykjavík keiner. Stattdessen wird gefeiert, als gäbe es kein Morgen - und keine Wirtschaftskrise.


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ReykjavíkAileen TiedemannWas Reykjavík im Vergleich zu anderen Städten so besonders macht, ist das von Starbucks, McDonald's und den anderen üblichen Filialisten verschonte Stadtzentrum. Stattdessen sind hier die Geschäfte eigenwillig und originell eingerichtet, und in den Cafés laufen statt Charthits Radiohead oder The Smiths. Einzig die Wandertouristen in ihren Mehrzweckhosen wirken uniformiert. "Wegen der Wirtschaftskrise traut sich eh keiner, hier zu investieren", sagt Borghildur und deutet auf ein kleines rotes Haus im Zentrum von Reykjavík. "Darin befand sich einst das Sirkus, wo Björk mit den Sugarcubes ihre ersten Auftritte hatte. Hätte es keinen Bankencrash gegeben, würde hier längst ein Einkaufszentrum stehen." Der Staatsbankrott habe ihrer Meinung nach gute und schlechte Seiten. Einerseits verfalle am Hafen die halb fertig gebaute neue Konzerthalle, dafür hätten die Menschen jetzt Zeit, sich auf sich selbst zu besinnen.

"Montags sind die Schwimmbäder von Reykjavík jetzt so voll wie nie." Statt hässliche Hochhäuser hochzuziehen, entdeckten die Isländer ihre eigene Kultur neu. Das mache sich auch in der Mode bemerkbar. "Die Mädchen tragen wieder Kleider mit traditionellen Mustern und flechten sich lange Zöpfe", sagt Borghildur. Die Frage: "Hast du einen Job für mich?", mit der man früher ganz unkompliziert über Freunde und Bekannte an Arbeit kam, kann man sich jetzt in den allermeisten Fällen sparen. Aus Wut auf die Misswirtschaft ihrer Regierung zog auch Borghildur im vergangenen Jahr vor das isländische Parlament, um zu protestieren. "Ein Drittel aller Isländer hat sich hier versammelt und so viel Lärm gemacht, bis sich keiner der Politiker mehr auf seine Arbeit konzentrieren konnte", erzählt sie. Auch sonst versammeln sich Reykjavíks Bewohner gern auf der Wiese vor dem Parlament, denn der Austurvöllur-Platz ist einer der wenigen windgeschützten Plätze der Stadt.

"Manchmal kommt mir mein Leben vor wie eine Soap-Opera", meint Borghildur. "Meine Stadt ist so klein, dass ich über fast jeden hier eine Geschichte erzählen könnte." Sie kennt alle: die Bedienung im Café, den Musiker, der gerade sein Haus streicht, und den kauzigen alten Wirt des Fischrestaurants "Sægreifinn" (Geirsgata 8) am Hafen. Spezialität des Hauses ist fermentierter und in Schnaps eingelegter Gammelhai, eine intensiv riechende isländische Spezialität aus der Wikingerzeit. Wer es frischer mag, bestellt Heilbutt und Lachs oder probiert "Moby Dick on a stick", wenn er es mit seinem Gewissen vereinbaren kann.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Wo Sie samstags und sonntags gemütlich bummeln können und wie wundervoll ein Bad im acht Grad kalten Wasser sein kann.


Reisetipp: Wer Islands Natur erkunden will, kann von Reykjavík Tagesausflüge zu Geysiren und Wasserfällen machen. Die Blaue Lagune ist sogar nur 45 Minuten mit dem Bus entfernt. Wer noch mehr von der spektakulären Landschaft sehen will, schließt sich am besten einer Rundreise an. Young Line Travel von Marco Polo bietet eine 15-tägige Tour an - inklusive Bootsfahrten durch Gletscherlagunen, Whale-Watching und Besuch des mächtigen Gullfoss-Wasserfalls. Die Reise startet und endet in Reykjavík und bietet noch genügend Raum für eigene Aktivitäten. (Rundreisen von Juni bis August, Info-Tel. 00800/24 02 24 02, marco-polo-reisen.com)

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