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Drama / Deutschland 2008

Chiko

"Extrem hart für einen deutschen Film": Das sagen Moritz Bleibtreu und Denis Moschitto beim Interview in Berlin über "Chiko". Der beeindruckt tatsächlich als authentischer und unbequem schmerzhafter Milieu-Thriller.


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DAS GESETZ DES GHETTOS
Morgens halb elf in Deutschland. In die Suite des Berliner "Ritz Carlton" tritt eine Zimmerkellnerin mit einer Flasche Champagner, eine Weile später folgen Moritz Bleibtreu und Denis Moschitto. "Also, ich brauche Zigaretten", konstatiert Bleibtreu. "Zwei Schachteln Lucky Strike." "Und zwei Mal Gauloises", ergänzt Moschitto. Der Interview-Tag kann beginnen. Allerdings bei Orangensaft zum Nikotin. So harte Jungs, wie die zwei im Film "Chiko" spielen, sind sie in natura nicht. Wollen sie auch gar nicht sein. Denn Titel-Antiheld Chiko (Moschitto) ist der Dealer-König von Hamburg, derjenige, dem die Leute Respekt schulden. Meint Chiko. Tatsächlich ist Chiko, Türke aus einem Hamburger Vorstadt-Ghetto und unfähiger Vater seiner kleinen Tochter, ein unbeherrschter Schläger, sozial inkompatibel - eine arme Sau am kriminellen Rand der Gesellschaft. In diesem dreckigen Milieu suhlt sich der knallharte Thriller um Rache und Respekt, Ehre und Freundschaft. "In so einem Umfeld bin ich groß geworden", sagt Bleibtreu, "in St. Georg, das war damals eine der härtesten Gegenden von Hamburg. Ich habe mir das zwar immer nur von außen angeguckt, aber ich kenne diese Art Leute, ich weiß, wie das Milieu so funktioniert." Und das ist verdammt tough. Die Darsteller reden, als hätten sie ihre Dialoge auf der Straße statt aus dem Drehbuch gelernt, "diese aufgesetzte, machohafte Art zu sprechen wie die meisten Schläger, die in diesen Vorstadtghettos rumrennen", definiert Moschitto. Die nüchternen Bilder zeigen Szenen von oft schockierender Brutalität: authentisch, grausam, schmerzhaft. So hämmert Bleibtreu, ungewohnt eiskalt und ekelhaft als Koks-Pate Brownie, einem unfolgsamen Untergebenen etwa einen Nagel durch den Fuß. "Da ging von Moritz eine echte Gefahr aus", feixt Moschitto. "Wir haben das beim Drehen auf dem Monitor gesehen und uns alle vor ihm gefürchtet." "Der Film nutzt eine psychologische Gewalt, die an die Nieren geht, weil sie an Urinstinkte appelliert und nachvollziehbar ist", lenkt Moritz Bleibtreu ein. "Aber wenn man sich anguckt, was auf der Welt passiert, von Guantanamo bis Hamburg-Billstedt, und was in Hollywood so für Filme gedreht werden, dann kann man wirklich nicht behaupten, ‚Chiko' stelle Gewalt aus." Tut er auch nicht. Gezeigt wird das blutige Fuß-Ballern keineswegs, die Kamera schwenkt rechtzeitig weg. "Aber es sich vorzustellen ist natürlich noch grausamer, als es zu sehen", räumt Denis Moschitto ein. Mitleid, Skrupel, Gnade existieren nicht im Drogengeschäft, Koks ist mehr wert als ein Menschenleben. Als Chiko beginnt, für Großdealer Brownie zu arbeiten, und sein debiler Kumpel versucht, Brownie zu linken, sind die beiden "gefickt". Rau und rotzig erzählt "Chiko" aus diesem Milieu: ein Film, so intensiv, dass er manchmal weh tut. Nicht so heftig wie ein Nagel im Fuß, doch zumindest wie ein Schlag ins Gesicht.
Christina Bednarz


Start: 17.04.2008, OT: Chiko, Regie: Özgür Yildirim, Darsteller: Denis Moschitto, Moritz Bleibtreu, Volkan Özcan, Fahri Ogün Yardim, Reyhan Sahin, Lilay Huser u. a., 92 Min.
Fazit: Authentischer Dealer- und Ghetto-Thriller: schmerzhaft und ungewohnt brutal für einen deutschen Film.
 
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